Schwierige Freiheit

 

Wie geht es eigentlich selbstständigen Journalist*innen?

 

 

 

Seit fast zwei Jahren leben wir nun schon mit und in der Pandemie, mit allen gesundheitlichen, sozialen, psychologischen und ökonomischen Folgen. Kaum eine Branche wurde von den Begleiterscheinungen der Pandemie verschont.

 

Hart betroffen sind auch viele freie Journalistinnen und Journalisten aus verschiedensten Medien, Themenbereichen und Ressorts. Gute Berichterstattung lebt nun einmal von persönlichen Begegnungen und direktem Austausch, der in den Lockdown-Phasen jedoch allenfalls online möglich und nicht immer ein adäquater Ersatz gewesen ist. Wie dramatisch sich die Arbeitssituation für Freie in den Monaten des Lockdowns entwickelt hat, zeigt etwa eine Umfrage des Deutschen Journalisten Verbands (DJV). „Mehr als zwei Drittel der Freien verzeichneten 2020 einen Rückgang von Aufträgen, knapp ein Drittel dabei besonders schwer (mehr als 50 Prozent), fast jede zehnte Person hat sogar keine Aufträge mehr bekommen“, lautet die alarmierende Zusammenfassung.

 

 

 

(https://www.djv.de/startseite/info/beruf-betrieb/freie/freienumfrage)

 

 

 

So musste die freie Lokaljournalistin Silke Keil während des Lockdowns auf die Corona-Nothilfe und die Neustarthilfe zurückgreifen. Obwohl es ihr nie an Themen fehlte, bekam sie immer weniger Anfragen, bis heute.

 

„Seit dem Lockdown muss ich mich intensiv um neue Aufträge bemühen. Meine bisherigen Auftraggeber haben durch Kurzarbeit und Seitenreduzierung weniger Bedarf an meiner Mitarbeit und meine neuen Auftraggeber zahlen schlecht. Ich arbeite derzeit viel für wenig Honorar. Es muss besser werden, damit ich als freie Journalistin überstehe.“

 

Das Verhältnis zwischen Festangestellten und Freien beschreibt Silke Keil  nüchtern: „Nach wie vor kämpft jeder für sich. Es gab schon vor der Pandemie wenig Solidarität zwischen Festangestellten und Freien“, sagt sie.

 

Sie glaubt auch nicht, dass den Leserinnen und Lesern die oftmals schwierige Situation der freien Pressevertreter*innen klar ist, „die Mehrheit stellt sich den Beruf relaxed vor“, fasst sie ihren Eindruck zusammen. „Nicht die Politik muss etwas tun. Wir brauchen Leser, die gut recherchierte Texte von flacher Unterhaltung und Fake News unterscheiden können und Erstere monetär zu schätzen wissen. Ich wünsche mir darüber schon in der Schule Aufklärung.“ Ob Silke Keil ihren Beruf als freie Journalistin auch zukünftig wird weiter ausüben können, steht noch nicht fest, derzeit arbeitet sie verstärkt im Bereich PR, wo gute Honorare gezahlt werden.

 

 

 

Schwer war die Zeit auch für die freie Kulturjournalistin Elke Rolf (Name geändert). Vor der Pandemie schrieb sie noch für drei Tageszeitungen. Doch als Theater, Kinos und Konzerthäuser schlossen, erhielt Rolf von einem Tag auf den anderen keine Aufträge mehr. Ihre Arbeitgeber meldeten Kurzarbeit an und durften auch für Buch- oder Fernsehkritiken keine freien Kolleg*innen mehr beauftragen. Rolf war nun vollkommen auf die Einkünfte ihres Ehe-Partners angewiesen, nur einmal beantragte sie eine Soforthilfe des Bundes. „Besonders am Anfang habe ich mir schon mehr Solidarität der festangestellten Kolleg*innen gewünscht“, sagt sie heute. „Natürlich konnten die Redaktionen selbst nichts für die schlimme Lage, in der wirklich jeder steckte. Es kam aber keinerlei Information über die momentane Situation bei den Zeitungen, kein Anruf. Das Telefon hörte einfach auf zu klingeln, über Monate. Ich wusste nicht, ob ich irgendwann wieder für meine bisherigen Auftraggeber würde schreiben können oder nicht. Das war hart!“ Inzwischen schreibt Elke Rolf wieder gelegentlich, arbeitet nun aber hauptberuflich in einer Halbtagesstelle im Bereich Öffentlichkeitsarbeit.

 

 

 

Doch nicht alle  Kolleg*innen haben die Zeit der Pandemie als derartig verheerend erlebt. Geraldine Friedrich, Reisejournalistin sowie Texterin im Segment Finanzen, Gesundheit und Wirtschaft, geht es gut.

 

„Ich habe einige neue Projekte angeschoben und mich fortgebildet. Durch digitale Treffen spare ich viel Reisezeit. Und ich weiß jetzt noch genauer, welche Themen, Textformen und Jobs ich gerne annehme und welche nicht“, schildert sie ihre Erfahrungen. Obwohl die Spezialistin für Special-Interest-Themen unbeschadet durch die Pandemie gekommen ist, schlägt auch sie nachdenkliche Töne an, wenn es etwa um die Akzeptanz des Berufsstandes und um das Wissen des Medien-Publikums hinsichtlich der oft prekären Lebensumstände vieler Journalist*innen geht. „Was mir ganz deutlich in der Pandemie im direkten Austausch bewusst geworden ist: Viele Menschen, auch Akademiker, kennen und verstehen die Rolle und Aufgaben einer unabhängigen Presse überhaupt nicht. Sie können nicht seriöse von unseriösen Quellen unterscheiden und wissen auch gar nicht, wie Journalist*innen arbeiten. Dass da niemand sitzt, der „von oben“ etwas einflüstert. Oder sie sehen die Zusammenarbeit mit der Presse als Marketing in eigener Sache“, sagt sie. Mehr Verständnis der festangestellten Kolleg*innen würde auch sie sich wünschen. „Solidarität von Festangestellten Kolleg*innen für Freie erlebe ich eher als Ausnahme denn als Regel. Mein Eindruck ist, dass in dieser Hinsicht gerade im Lokaljournalismus noch viel Luft nach oben ist. Freie Journalist*innen brauchen kein Mitleid von Festangestellten, sondern jemanden, der auch mal intern den Mund aufmacht und sich für sie einsetzt.

 

 

 

Kathrin Konyen, freie Mitarbeiterin unter anderem bei der Süddeutschen Zeitung, hält Transparenz für unabdingbar, besonders, wenn es um die schwierigen Arbeitsverhältnisse freier Kolleg*innen geht. Da könnte auch von politischer Seite Unterstützung kommen: „Mit der Anerkennung von Journalist*innen als systemrelevant geht meiner Meinung nach auch die Verpflichtung einher, von staatlicher Seite Strukturen zu schaffen, die Journalismus ermöglichen. Dazu gehört zum Beispiel auch die Förderung von Projekten, wovon viele Freiberufler profitieren könnten.“ Sie selbst arbeitet gerne als Freiberuflerin: „Ich genieße es sehr, mich ständig weiterzu-

 

entwickeln und links und rechts des Tellerrands zu gucken.“ Wenngleich die Akquise und der Kontakt zu Auftraggebern durch die Pandemie schwieriger geworden sind. „So toll die ganzen Online-Veranstaltungen sind, das Netzwerken ist im echten Leben doch deutlich einfacher und auch verbindlicher“, fasst Kathrin Konyen ihre Erfahrungen der vergangenen Monate zusammen.

 

 

 

Insgesamt betrachtet ist die Arbeitsbelastung Freischaffender oft außergewöhnlich hoch. Während Festangestellte in einem klar definierten Zeitrahmen arbeiten, in dem Überstunden, Wochenend- und Spätschichten registriert und vergütet werden, sind Freie ständig unentgeltlich beschäftigt, sei es mit Kundenakquise und Auftragskoordination, der Recherche und Vor-Ort-Terminen. Die reine Schreibarbeit ist da noch der geringste Posten auf der Aufgabenliste. „Für mich muss der Zeitaufwand – und dazu zählt natürlich auch die Suche nach Ansprechpartner*innen – immer zum Honorar passen. Wenn ich erst mal einen halben Tag investieren muss, um drei Ansprechpartner zu finden – und bekomme für einen Text 250 Euro, – dann passt das einfach nicht“, bringt Geraldine Friedrich die Problematik auf den Punkt. Die 250 Euro müssen schließlich noch versteuert werden.

 

 

 

Dass die Arbeitsbedingungen im freien Journalismus in vielen Fällen prekär und nicht vergleichbar sind mit denen festangestellter Kolleginnen und Kollegen war schon vor der Pandemie ein großes Problem. Vielleicht könnte es im Zuge der Lockdown-Erfahrungen nun zu einem Umdenken, zumindest zum Nachdenken darüber kommen, wie und wohin sich das Berufsfeld Journalismus in den kommenden Jahren hin entwickeln muss. Denn die Arbeit von Freiberuflern ist nicht weniger wert, sie wird nur schlechter bezahlt.

 

 

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im Balljournal, das trotz des abgesagten Stuttgarter Presseballs veröffentlicht wurde.

 

 

 

Kathrin Horster-Rapp

 

 

Weiterhin volle Redaktionsarbeit für Volos?

 

Volo-Umfrage des DJV

 

Wie steht es um die Ausbildung in den Tageszeitungsverlagen in Baden-Württemberg? Um das herauszufinden, hat der DJV Anfang November die Volontärinnen und Volontäre, die ein Seminar der JBB (Journalistische Berufsbildung) besucht haben, gebeten, sich an einer Online-Umfrage zu beteiligen. Das Ergebnis zeigt Fortschritte, doch weiterhin läuft lange nicht alles rund in den Volontariaten.

Für die Umfrage hatte der DJV denselben Fragenkatalog erneut gestellt, mit dem er bereits im Herbst 2017 die Volontärinnen und Volontäre der Tageszeitungen um deren Feedback gebeten hatte. Dabei zeigte sich ein positiveres Bild als 2017, wobei ein Medienhaus und Anzeigenblatt-Verlag wie bereits vor vier Jahren deutlich negativ herausstach.

 

34 Personen nahmen diesmal an der anonymen Befragung teil, einige weniger als 2017 (44). Da sechs zudem die Umfrage abbrachen, blieben letztlich 28 verwertbare Datensätze übrig. Die geringere Beteiligung könnte auch mit daran liegen, dass ein Teil der Redaktionen durch Corona die Zahl der Volos reduziert hat oder gleich gar niemanden mehr in redaktioneller Ausbildung einstellt.

Anlass der ersten Umfrage war der damals neu gefasste Tarifvertrag über das Redaktionsvolontariat an Tageszeitungen gewesen. Dabei wurde unterstellt, wenn die Befragten angaben, dass in Ihrem Betrieb der Tarifvertrag gilt, dass sie dann auch alle Leistungen daraus erhalten. Diesmal ergab sich ein differenziertes Bild: Drei Personen gaben an, dass ihr Betrieb zwar tarifgebunden ist, sie aber ihr Volo dennoch nicht nach den Vorgaben des Ausbildungs-TV durchlaufen. Als Lichtblick schimmert durch, dass immerhin neun Volos aus nicht-tarifgebundenen Betrieben (OT) trotzdem in den Genuss der Regelungen des Tarifvertrags kommen. Nur zwei OT-Leute gaben an, dass das für sie nicht zutrifft. Die übrigen 14 Personen aus tarifgebundenen Häusern bejahten diese Bindung auch für ihre redaktionelle Ausbildung. Damit ist der Anteil der Tarifgebundenen zumindest in der nicht-repräsentativen Umfrage deutlich höher als vor vier Jahren.

 

Weitere Details zum Ablauf der regulär zweijährigen Ausbildung fragte der DJV nur bei den fünf OT-Volos ab. Laut dem Tarifvertrag würden sie beispielsweise mindestens drei Ressorts kennenlernen. Dies trifft nur auf eine dieser fünf Personen zu. Eine weitere arbeitet nach eigenen Angaben die vollen zwei Jahre in der Lokalredaktion, eine andere nur in der Onlineredaktion.

Weiterhin bestehen bleibt das Problem der Arbeitszeit: Die fünf Befragten gaben an, zwischen 1,5 und 7,5 Überstunden pro Woche zu leisten, für die vier von fünf keinen Ausgleich erhalten. Krasse Ausreißer wie vor vier Jahren waren diesmal aber nicht darunter, als die Umfrage damals sogar Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz dokumentierte. Dies könnte man als Zeichen eines Wandels werten, da sich Verlagshäuser inzwischen deutlich schwerer tun, qualifizierten Nachwuchs zu finden. So haben die fünf OT-Leute in ihren Arbeitsverträgen eine vereinbarte Wochenarbeitszeit zwischen 35 und 37,5 Stunden, die damit nur noch gering von der tariflichen von 36,5 Stunden abweicht – oder diese sogar unterbietet. Noch besser sieht es bei weiteren Leistungen aus: Alle fünf gaben an, 30 Tage Urlaub pro Jahr zu erhalten sowie Urlaubs- und Weihnachtsgeld und einen Zuschlag für Sonn- und Feiertagsdienste. Beim Gehalt fiel hingegen das erwähnte schwarze Schaf unter den Verlagen mit 1360 Euro im ersten und 1600 Euro im zweiten Jahr hingegen wieder deutlich negativ auf. Dies liegt im ersten Jahr marginal über dem gesetzlichen Mindestlohn.

Weitere Fragen erhielten wieder alle Teilnehmenden an der Umfrage. So zeigte sich, dass nach wie vor nur eine Minderheit der Verlage systematisch die Arbeitszeit erfasst (fünf Nennungen). Wenig verändert hat sich an der Übernahmesituation: Zwölf Befragte gaben an, noch nicht zu wissen, ob sie übernommen werden. Acht weitere erhielten ein Angebot für eine befristete Übernahme, fünf für eine unbefristete. Eine Person will die Branche trotz eines Angebots verlassen, eine Weitere überlegt noch, ob sie ein Stellenangebot annimmt. Immerhin: Niemand gab an, kein Übernahmeangebot erhalten zu haben.

 

Wo die Probleme liegen, zeigt vor allem das Freitext-Feld, in dem die Volos ihren Arbeitsalltag beschreiben sollten: Fast alle schildern, dass sie von Anfang an voll verantwortlich mitarbeiten mussten, obwohl der Ausbildungs-TV ausschließt, dass Volos Redakteurinnen oder Redakteure vertreten. Auch eine vorgesehene gründliche Einarbeitungsphase gibt es demnach kaum.

Zudem dürfen Volontärinnen und Volontäre keine presserechtliche Verantwortung tragen. Zwar gaben sie überwiegend an, dass ihre Artikel dementsprechend gegengelesen würden, aber nicht durchgängig – oder wie es eine Person beschreibt: „Ich arbeite in der Online-Redaktion und bin vollwertiges Redaktionsmitglied. Ich mache alles, was die „ausgelernten“ Redakteure auch machen – ohne Einschränkungen. Der einzige Unterschied: Ich trage den Titel „Volontär“ und bekomme weniger Geld.“

Laut dem Tarifvertrag haben die Volos zudem „Anspruch auf Anleitung und Beratung durch einen für diese Aufgabe befähigten Redakteur, der die Ausbildung fördert und überwacht“. Auch das findet nicht überall statt. Einzelne beschreiben, dass ihr Ausbildungsplan der Personalnot im Unternehmen angepasst wurde. Dementsprechend wünschen sich viele der Befragten eine gründlichere Einarbeitung, engere Betreuung und eine transparentere Ausbildungsstruktur von Anfang an mit Informationen, wann man welche Stationen durchläuft und Seminare besucht. Aber auch eine bessere Ausstattung mit Handy und Laptop, Arbeitszeiterfassung und bessere Gehälter sowie Zuschläge wurden als Wünsche genannt. Eine Person schrieb: „Ich arbeite von Tag eins an eigenverantwortlich. Wirklich Zeit genommen, um mir etwas beizubringen, hat sich niemand. […] Dementsprechend haben wir keine Ausbildungsredakteure, und man bringt sich 90 Prozent selbst bei.“

 

Am krassesten neben den eigentlichen Zielen eines Volontariats liegt das, was die Befragten aus dem genannten Anzeigenblatt-Verlag berichten: „Volontäre arbeiten wie vollwertige Redakteure, übernehmen alle Aufgaben, die auch festangestellte Redakteure haben, arbeiten teilweise komplett alleine in Früh- und Spätdiensten sowie an Wochenenden und Feiertagen, die Dienste sind nur mit einer Person besetzt (ohne Ansprechpartner, wir sind auf uns alleine gestellt). Zudem übernehmen wir hin und wieder Aufgaben eines Chefs vom Dienst. Eine Ausbildung erhalten wir nicht, bis auf die Pflicht-Seminare, wir dienen lediglich als billige Arbeitskraft. Zudem haben wir dieselben Tagesziele wie Redakteure, müssen vier bis fünf Artikel pro Tag abliefern und uns wurden zudem Klick-Zahlen auferlegt, die wir erreichen sollen. Niemand fühlt sich verantwortlich für die Volontäre oder hat ausreichend Zeit, uns auszubilden. Volontäre werden in der Regel nicht übernommen, und wenn doch, erhalten sie nur Jahresverträge mit einer Vergütung, die gerade mal 50 Cent über dem Mindestlohn liegt.“ So bleibt festzuhalten, dass sich seit dem verheerenden ersten Umfrageergebnis vor vier Jahren einiges verbessert hat – sicher auch, weil der DJV im Nachgang damals Verlage gezielt auf Missstände ansprach. Doch auch gut 30 Jahre nach Abschluss des ersten, durch harten Streik erkämpften Ausbildungs-Tarifvertrags gibt es weiterhin Anlass, die Bedingungen der Volontärinnen und Volontäre im Auge zu behalten und Verlage auf ihre Pflichten auch zu verpflichten.

 

Daniel Völpel

 

Nicht der Journalismus entscheidet, welche Lösung die beste ist

 

Alexander Mäder unterrichtet Studierende. Bei RiffReporter schreibt er gemeinsam mit anderen ZukunftsReporter*innen alltagsnahe, wissenschaftlich fundierte Zukunftsszenarien.

 

 

 

Interview: Susann Mathis

 

 

 

Susann Mathis: Wie ist das Projekt „Zukunftsreporter“ eigentlich entstanden?

 

 Alexander Mäder: Wenn es um Zukunftsfragen wie das Klima geht, beschreiben wir in der Regel mit abstrakten Dystopien, wie warm es auf der Erde werden kann und welche Folgen das nach sich zieht. Unsere Idee war es, mittelfristige Szenarien mit einer fiktiven Geschichte auszumalen. So dienen sie als Einstieg in ein Gespräch über Fragen wie: „Wollen wir das so oder wollen wir das lieber anders?“ oder „Was müssen wir machen?“ Unsere Szenarien sind nicht aus der Luft gegriffen. Wir erklären immer, was unser Aufhänger für die Geschichte war. Oft verbinden wir diese Arbeit mit Bürgerdialogen, die wir mit einem Partner, einer Stiftung oder einer Stadtbibliothek, durchführen.

 

Susann Mathis: Es gibt ja immer eine Vielzahl von Möglichkeiten, wie man sich Zukunft vorstellen kann, das ist sehr aufwändig. Ist „Zeit“ ein zentrales Merkmal des konstruktiven Journalismus?

 

 Alexander Mäder: Im konstruktiven, lösungsorientierten Journalismus haben wir oft ausgeruhte, längere Stücke. Das kostet Kraft. Nicht nur, weil man immer wieder neu denken muss, sondern auch, weil man sich tatsächlich mehr Zeit nimmt und mit mehr Leuten spricht. Bei den Kurznachrichten sehe ich nicht vieles, was man bei der Geschwindigkeit im Newsroom anders machen könnte. Aber es ist ja auch nicht so, dass der konstruktive Journalismus sich als Alternative sieht, sondern als interessante Ergänzung, vielleicht sogar auch eine Rückbesinnung auf ein paar Werte, die in den letzten Jahren in den Hintergrund getreten sind. Wir planen ja nicht die Revolution.

 

 Susann Mathis: Dafür spricht, dass es auch in den klassischen Medien immer mehr Plätze für konstruktiven und lösungsorientierten Journalismus gibt. Gleichzeitig heißt es, er sei in Deutschland nicht so gut entwickelt. Wie schätzen Sie das ein?

 

 Alexander Mäder: Als wir vor zwei Jahren mit unserem Erasmus-Projekt zum dialogorientierten Journalismus angefangen haben, hatte ich den Eindruck, dass bei unseren Partnern in Dänemark und den Niederlanden alles sehr viel eingespielter ist. Aber in der letzten Zeit habe ich auch den Eindruck, hier und da gibt es im Lokaljournalismus, aber auch im nationalen Journalismus Dialog-Formate und neue Ideen mit dem Leitgedanken, das Publikum ernster zu nehmen. Da ist in Deutschland etwas in Bewegung.

 

 Susann Mathis: Wie schlägt sich der konstruktive Journalismus bei Ihnen in der Lehre nieder?

 

 Alexander Mäder: In unserer Vorlesung „International Content Production“, setzen wir, gemeinsam mit wechselnden Medienpartnern, größere Projekte um, die wir dem konstruktiven Journalismus gewidmet haben. So bekommen unsere Studierenden Einblick in die Praxis und die Redaktionen vielleicht ein paar frische Ideen von jungen Leuten. Das begleite ich mit einer Vorlesung und vorab beginnen wir mit Übungen, zum Beispiel einen traditionell geschriebenen Artikel konstruktiv zu redigieren. Einfach das Wort „Skandal“ durch „Herausforderung“ zu ersetzen, kann es ja nicht sein. Vielmehr wird geübt, positive Aspekte nicht unter den Tisch fallen zu lassen, damit sich die Leserinnen und Leser ein umfassendes Bild des Problems machen und Lösungsansätze erkennen können.

 

Der konstruktive Journalismus bietet einen kleinen Werkzeugkasten, zum Beispiel Fragen, Analysemethoden, Denkrichtungen. Worauf wir dabei immer wieder kommen:  Es ist am Ende auch eine Frage der Einstellung. Das Ganze beginnt damit, dass man sich als Journalistin, als Journalist fragt „Was richte ich mit meiner Berichterstattung an?“. Ich schiebe ja nicht nur die Informationen raus, sondern das macht ja auch was mit dem Publikum. Ulrik Haagerup, einer der Gründungsväter des konstruktiven Journalismus und Gründer des konstruktiven Instituts in Dänemark war vorher Leiter des dänischen Rundfunks. Sein Umdenken hat damit begonnen, dass er seine eigenen Abendnachrichten angesehen hat und dabei festgestellt hat, dass man bei der Sendung depressiv werden konnte.

 

 Susann Mathis: Eine Kritik lautet, dass es billiger ist, einfache Lösungen vorzuschlagen als investigativen Journalismus zu betreiben.

 

 Alexander Mäder: Es sollte nicht der Journalismus entscheiden, welche Lösung die beste ist. Welche Lösung am Ende gut ist, entscheiden Politik und Öffentlichkeit, also das Volk der Demokratie. Das ist einer der Gründe, warum im konstruktiven Journalismus die Publikumsorientierung eine starke Rolle spielt: Man kann Entscheidungen nicht nur mit den Expertinnen und Entscheidungsträgern aushandeln, man muss ein größeres Bild einbringen.

 

 Susann Mathis: In der Corona-Krise haben sich viele Probleme entwickelt, weil aus dem Bedürfnis nach Information und Orientierung ein großer Zeitdruck entstanden ist. Für den konstruktiven Journalismus ist das keine gute Voraussetzung.

 

 Alexander Mäder: Vielleicht findet man irgendwann einen Weg, wie man das auch unter Zeitdruck gut hinkriegt. Aber ja, das waren schwierige Bedingungen, um konstruktiven Journalismus stark zu machen. Insofern bin ich mit der Berichterstattung gar nicht so unzufrieden. In der Corona Krise mangelte es nicht an Lösungsideen. Das Problem bestand eher darin, dass sie sich widersprochen haben. Man kann auch nicht einfach die Wissenschaft entscheiden lassen, ob die Schulen schließen oder offenbleiben. Da müssen wir als Gesellschaft die Verantwortung übernehmen.

 

 Auch in anderen Bereichen liegen viele Lösungen auf dem Tisch, etwa beim Klimawandel. Nun geht es darum, voranzukommen und nicht in einer Haltung zu verharren, die besagt: „Das ist so teuer. Ich will keine Verbote. Wir emittieren gerade mal zwei Prozent der globalen Emissionen – was können wir schon ausrichten?“ Solche Argumente verhindern, dass wir in einem gesellschaftlichen Dialog Kompromisslinien ausloten. Wenn die Medien etwas dazu beitragen können, dass die Lösung von Problemen gemeinsam angegangen wird, wäre das hilfreich und würde auch nicht die journalistische Unabhängigkeit untergraben. Man macht sich damit niemandem gemein, außer mit seinem Publikum.

 

 

 

 

Alexander Mäder hat einige Jahre das Wissenschaftsressort der Stuttgarter Zeitung geleitet sowie das Magazin „bild der wissenschaft“. Seit 2018 unterrichtet er hauptberuflich Journalismus an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Bei RiffReporter.de schreibt er für die „Zukunftsreporter“ und das Projekt „Klima wandeln“. Er ist Dozent am Nationalen Institut für Wissenschaftskommunikation in Karlsruhe und Mitglied des Berufsverbands Wissenschafts-Pressekonferenz (WPK).

 

 

 

 

 

 

Nicht die Akteure, sondern die Ideologie in den Blick nehmen

 

Wie Medien verantwortungsvoll über Rechtsextremisus berichten

 

Von Ulrike Schnellbach

 

„Identitäre sammeln Geld für ‚Anti-NGO‘-Flotte im Mittelmeer“: So lautete eine Schlagzeile im Mai 2017 in österreichischen Tageszeitungen. Darunter berichteten sie über eine Aktion rechtsextremer Aktivisten, die Rettungsschiffe für Geflüchtete blockieren wollten. In den Texten kamen weder Seenotretter noch Rechtsextremismus-Expertinnen zu Wort. Stattdessen übernahmen die Medien, wie die Wiener Politologin Judith Goetz sarkastisch notiert, kostenlos die Werbung für die rechtsextreme Gruppe, „die binnen kürzester Zeit die notwendige Summe für das Schiff sammeln konnte“.

 

Goetz hat den Sammelband „Rechtsextremismus: Herausforderungen für den Journalismus“ mit herausgegeben. Er benennt Fallstricke bei der Berichterstattung über die extreme Rechte, erklärt Muster rechtsextremer Rhetorik und gibt Hinweise, „wie Journalist*innen verantwortungsvoll über Rechtsextreme und ihr Weltbild berichten können, ohne ihnen in die Hände zu spielen“. Auch wenn der Fokus auf Österreich liegt, können Journalistinnen und Journalisten hierzulande von der Lektüre sehr profitieren.

 

Beispiel „Identitäre Bewegung“ (IB): Im Nachbarland war die rechtsextreme Gruppierung mit ihrem Anführer Martin Sellner zeitweise besonders virulent. In Deutschland ist sie eng mit der AfD verbunden. Zu ihrer Bekanntheit – und womöglich auch zu ihrem Anwachsen – haben die Medien nach Analyse der Buch-Autoren nicht unwesentlich beigetragen. Denn Redaktionen haben die Fotos und Begriffe der Rechtsextremen zumindest anfangs unkritisch verbreitet. Beispiele sind etwa eine von der IB versandte und vielfach abgedruckte Aufnahme eines migrationsfeindlichen Banners am Brandenburger Tor 2016 oder die Verschwörungserzählung vom „Großen Austausch“, die Medien aufgegriffen haben (z.B. Spiegel online am 20.03.2017: „Bevölkerungsentwicklung: Die Angst vor dem großen Austausch“).

 

Die Folge ist, so warnt die Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU), die den Band mit herausgegeben hat, dass rechtsextreme Diskurse zunehmend als legitim erscheinen. Man hätte das kaum treffender ausdrücken können als der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) in einem Interview 2018: „Vieles von dem, was ich heute sage, ist vor drei Jahren noch massiv kritisiert und als rechtsradikal abgetan worden, das hat sich geändert.“

 

Mittlerweile ist das Bewusstsein dafür gewachsen, welche Auswirkungen es hat, wenn Medien rechtes Framing übernehmen. Dennoch passiert es nach wie vor, dass Redaktionen allzu unbedacht über die Stöckchen springen, die Rechtspopulisten oder Rechtsextreme ihnen hinhalten. So bemerkt der Rechtsextremismus-Forscher Bernhard Weidinger süffisant, dass das Interview mit Martin Sellner, in dem dieser seine menschenverachtende Ideologie darlegt, inzwischen beinahe als eigenes Genre gelten könne – genauso wie die Homestory beim „neurechten“ Ideologen Götz Kubitschek im sachsen-anhaltinischen Schnellroda.

 

Nicht immer geht es den Medien dabei um die Aufklärung über die Gefahren von rechts. Häufig schielten sie auch schlicht auf Reichweite, die durch eine alarmistische Berichterstattung in die Höhe getrieben werden soll, analysiert Weidinger. In diese Kategorie fallen auch Talkshows mit rechtsextremen Gästen. Die Buch- Autoren plädieren dafür, nicht mit Rechten zu reden, sondern fundierter über sie zu berichten. Ganz wichtig dabei: Betroffene zu Wort kommen lassen. Denn über die Perspektive der Opfer lasse sich nachempfinden, was Rechtsextremismus bedeuten kann, ohne dass die Täter zu viel Raum erhalten.

 

Der Band behandelt weitere Aspekte: Es gibt ein hochaktuelles Kapitel über die Wirkung von Verschwörungserzählungen, eines zur Gerichtsberichterstattung über rechte Straftaten und eines zum Umgang mit Recherchen der Antifa. Es gibt Informationen darüber, wie Rechtsextreme Soziale Medien nutzen, sowie Tipps für Reaktionen auf Shitstorms und die Moderation von Online-Foren. Nicht alle Erkenntnisse sind neu, der Mehrwert liegt eher in der Zusammenschau. Die Vielzahl der Beiträge hat aber auch einen Nachteil: Statt eines Gesamtwerks aus aufeinander aufbauenden Kapiteln ist eine Aufsatzsammlung mit etlichen Redundanzen entstanden.

 

Eines macht die Lektüre überdeutlich: Bei der Berichterstattung über die extreme Rechte ist besondere Sorgfalt angezeigt. Denn die Feindseligkeit der Akteure zielt nicht zuletzt auf die Medien selbst – tätliche Angriffe gegen Journalistinnen und Journalisten inbegriffen. „Aufgrund des Drohpotenzials, der Gewaltbereitschaft und der Unberechenbarkeit der Protagonist*innen unterscheidet sich die Berichterstattung über Rechtsextreme von anderen journalistischen Aufgabengebieten“, schreibt der Politologe Florian Zellner. Wichtig seien deshalb kollegiale Solidarität und der Rückhalt der Redaktionen.

 

 

 

Rechtsextremismus. Band 4: Herausforderungen für den Journalismus
Herausgegeben von Judith Goetz, FIPU und Markus Sulzbacher.
Mandelbaum Verlag, Wien, Berlin 2021

 

FIPU = Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit

 

 

Der hoffnungsvolle Optimist

 

Rezension – Rutger Bregman: „Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit“

 

Von Markus Pfalzgraf

 

Erste Sätze in Büchern haben oft etwas Magisches, und sie bleiben im Gedächtnis, wenn sie Spannung aufbauen, oder aber die Essenz der folgenden paar hundert Seiten treffend in wenigen Worten zusammenfassen. Der hier ist so einer: „Dies ist ein Buch über eine radikale Idee.“ Und die These lautet: Der Mensch ist gut. Die meisten Menschen jedenfalls seien intrinsisch gut.

 

 Rutger Bregman, der das schreibt, hat mit Anfang dreißig schon einige Erfahrung darin, das Positive in Geschichten zu finden. Er ist einer der Autoren der niederländischen Plattform De Correspondent, die sich dem konstruktiven Journalismus verschrieben hat. Seit dem vorigen Jahr gibt es auch eine internationale Seite: The Correspondent. Das Projekt ist nicht nur wegen seines Ansatzes bahnbrechend, sondern auch wegen seines Bezahlmodells: Beide, das niederländische Original und der englischsprachige Zweig, wurden mit äußerst erfolgreichen Crowdfunding-Kampagnen gestartet und durch Mitgliedschaften zehntausender zahlender Leser*innen fortgeführt. Ein Lichtblick in Zeiten, in denen es sonst kaum funktionierende Bezahlmodelle im Journalismus gibt. Seit einigen Jahren geben die Macher*innen von De Correspondent auch immer mehr Bücher heraus, die inzwischen fast die Hälfte der Einkünfte des Projekts ausmachen – eine Verdreifachung Innerhalb von zwei Jahren. Den Anspruch der Plattform tragen die Autor*innen auch inhaltlich in ihren Büchern weiter.

 

Rutger Bregmans neuestes Werk, in den Niederlanden schon ein Bestseller, tut dies auf sehr ausführliche und gleichzeitig fesselnde Weise. Er schreibt nichts weniger als eine alternative Geschichte der Menschheit auf, ähnlich aufrüttelnd wie Howard Zinn mit seiner US-amerikanischen Geschichte aus Sicht unterdrückter Gruppen („A People’s History of the United States“). Bei Bregman geht es allerdings um das Wesen des Menschen selbst, das er vom aus seiner Sicht ungerechtfertigten und unbelegten Ruf des Egoismus freisprechen will: Aus seiner Sicht ist der Mensch nicht von Natur aus schlecht, sondern gut. Menschen wollen grundsätzlich zusammenarbeiten. Das belegt Bregman mit anschaulichen Beispielen, unterfüttert mit Recherchen und wissenschaftlichen Studien.

Dabei fördert er erstaunliches zutage und zeigt, wie sich grausame Experimente und Studien jahrzehntelang halten, obwohl sie längst überholt oder von Anfang an nicht haltbar sind. So seien etwa beim berühmt-berüchtigten „Stanford Prison Experiment“, bei dem Probanden in Gefängnisinsassen und Wachleute aufgeteilt wurden und sich zu sadistischem Gruppenterror hinreißen ließen, dazu mehr oder weniger gedrängt worden.

 

Ähnliches zeigt sich Bregman zufolge auch beim Milgram-Experiment, in dem Probanden anderen unbesehen Elektroschocks verpassen konnten, oder bei bestimmten Versuchen mit Kindern: Grausamkeit und Egoismus zeigten sich dort, wo das subtil oder offen erwartet wurde. Lässt man sie einfach, so arbeiten sie zusammen. Auch mit Beispielen aus der literarischen Welt macht Bregman seinen Ansatz deutlich: „Der Herr der Fliegen“, eine Erzählung über britische Schuljungen, die nach einem Flugzeugunglück auf einer einsamen Insel stranden und in der Folge als Gemeinschaft in Gewalt versinken. Obwohl es sich um einen komplett fiktiven Fall handelt, ist dieser Roman seit den 60er Jahren zum Sinnbild dafür geworden, wie Menschen sich natürlicherweise verhalten würden, wenn sie sich in einer solchen Situation wiederfänden. Doch Bregman recherchiert und konterkariert diese sinnbildliche Erzählung mit dem einzigen bekannten tatsächlichen Fall dieser Art: Eine Gruppe von Jungen landete in den 60er Jahren in Seenot auf einer Insel im Pazifik – und begann nicht das schlechteste, sondern das beste in sich zum Vorschein zu bringen. Sie halfen einander, wie Rutger Bregman auch in Interviews mit einem der damaligen australischen Retter der Heranwachsenden herausfindet.

 

 Was auch schon im ersten Satz des Buches anklingt, ist die Art und Weise, wie uns Bregman seine Geschichte vom Guten im Menschen näher bringt: Er offenbart seine Recherchewege, wo es der Geschichte und Argumentation nützt, er lässt uns mit-denken und mitreisen, und schafft trotzdem Spannungsbögen und überraschende Wendungen.

 Doch manchmal gerät diese Erzählung zu anekdotenhaft. Die große Schwäche dieses Buches ist, dass es einen universellen Anspruch erhebt, aber unmöglich alle wissenschaftlichen Felder, deren Betrachtung dafür notwendig ist, vollumfänglich abbildet. Dadurch setzt sich der Autor dem Verdacht aus, nur die Quellen und Studien heranzuziehen, die seine Weltsicht belegen. Und spätestens beim Holocaust kommt er an seine Grenzen mit der positiven Grundthese. Dem Autor ist aber zugute zu halten, dass er diese Widersprüche und auch eigene Zweifel immer wieder offenlegt.

 Solchen unbestreitbaren Schwachpunkten setzt er kraftvolle andere Beispiele selbst aus dem Krieg entgegen, etwa die überraschende Erkenntnis, dass nur 15 bis 25 Prozent der Soldaten überhaupt nur geschossen hätten. Was auch nicht fehlen darf: Die Episode der britischen und deutschen Soldaten im Ersten Weltkrieg, die in Belgien aus ihren Schützengräben kamen und gemeinsam Weihnachtslieder sangen.

 Von seinen zahlreicheren niederländischsprachigen Büchern ist zuvor von Rutger Bregman nur „Utopien für Realisten“ auf Deutsch erschienen: Darin setzt er sich wie auch schon länger publizistisch für ein bedingungsloses Grundeinkommen ein, das er lieber „Bürgerdividende“ oder „Basiseinkommen“ nennt, damit es nicht als Geschenk des Staates wahrgenommen wird, sondern als kollektive Nutzung kollektiver Güter. Das spricht er auch in seinem hier besprochenen neuesten Buch an. Die Argumentation: Wenn Menschen aus gemeinsamen Quellen schöpfen, dann sorgen sie dafür, dass diese Quellen nicht versiegen.

 

Aber lässt sich all das auch in der Krise aufrechterhalten? Ja, meint Rutger Bregman. In Interviews weist er darauf hin, dass die Krise zwar zum Test für unsere Gesellschaften werde. Aber, etwa bei „Lichtblicke“ der Deutschen Welle sagt er: „Für jeden Panikkäufer gibt es tausend Krankenschwestern und Pfleger, die bis zum Umfallen arbeiten. Für jeden Horter gibt es Tausende, die sich in Facebook- und WhatsApp-Gruppen voller Hilfsbereitschaft in der Nachbarschaft organisieren. Diese Bereitschaft zur Zusammenarbeit und die Uneigennützigkeit, die sich explosionsartig innerhalb kürzester Zeit gezeigt haben, beeindrucken mich ungemein.“

 

Rutger Bregman: „Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit“, aus dem Niederländischen von Ulrich Faure und Gerd Busse, Rowohlt, 24€.