Nicht die Akteure, sondern die Ideologie in den Blick nehmen

 

Wie Medien verantwortungsvoll über Rechtsextremisus berichten

 

Von Ulrike Schnellbach

 

„Identitäre sammeln Geld für ‚Anti-NGO‘-Flotte im Mittelmeer“: So lautete eine Schlagzeile im Mai 2017 in österreichischen Tageszeitungen. Darunter berichteten sie über eine Aktion rechtsextremer Aktivisten, die Rettungsschiffe für Geflüchtete blockieren wollten. In den Texten kamen weder Seenotretter noch Rechtsextremismus-Expertinnen zu Wort. Stattdessen übernahmen die Medien, wie die Wiener Politologin Judith Goetz sarkastisch notiert, kostenlos die Werbung für die rechtsextreme Gruppe, „die binnen kürzester Zeit die notwendige Summe für das Schiff sammeln konnte“.

 

Goetz hat den Sammelband „Rechtsextremismus: Herausforderungen für den Journalismus“ mit herausgegeben. Er benennt Fallstricke bei der Berichterstattung über die extreme Rechte, erklärt Muster rechtsextremer Rhetorik und gibt Hinweise, „wie Journalist*innen verantwortungsvoll über Rechtsextreme und ihr Weltbild berichten können, ohne ihnen in die Hände zu spielen“. Auch wenn der Fokus auf Österreich liegt, können Journalistinnen und Journalisten hierzulande von der Lektüre sehr profitieren.

 

Beispiel „Identitäre Bewegung“ (IB): Im Nachbarland war die rechtsextreme Gruppierung mit ihrem Anführer Martin Sellner zeitweise besonders virulent. In Deutschland ist sie eng mit der AfD verbunden. Zu ihrer Bekanntheit – und womöglich auch zu ihrem Anwachsen – haben die Medien nach Analyse der Buch-Autoren nicht unwesentlich beigetragen. Denn Redaktionen haben die Fotos und Begriffe der Rechtsextremen zumindest anfangs unkritisch verbreitet. Beispiele sind etwa eine von der IB versandte und vielfach abgedruckte Aufnahme eines migrationsfeindlichen Banners am Brandenburger Tor 2016 oder die Verschwörungserzählung vom „Großen Austausch“, die Medien aufgegriffen haben (z.B. Spiegel online am 20.03.2017: „Bevölkerungsentwicklung: Die Angst vor dem großen Austausch“).

 

Die Folge ist, so warnt die Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU), die den Band mit herausgegeben hat, dass rechtsextreme Diskurse zunehmend als legitim erscheinen. Man hätte das kaum treffender ausdrücken können als der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) in einem Interview 2018: „Vieles von dem, was ich heute sage, ist vor drei Jahren noch massiv kritisiert und als rechtsradikal abgetan worden, das hat sich geändert.“

 

Mittlerweile ist das Bewusstsein dafür gewachsen, welche Auswirkungen es hat, wenn Medien rechtes Framing übernehmen. Dennoch passiert es nach wie vor, dass Redaktionen allzu unbedacht über die Stöckchen springen, die Rechtspopulisten oder Rechtsextreme ihnen hinhalten. So bemerkt der Rechtsextremismus-Forscher Bernhard Weidinger süffisant, dass das Interview mit Martin Sellner, in dem dieser seine menschenverachtende Ideologie darlegt, inzwischen beinahe als eigenes Genre gelten könne – genauso wie die Homestory beim „neurechten“ Ideologen Götz Kubitschek im sachsen-anhaltinischen Schnellroda.

 

Nicht immer geht es den Medien dabei um die Aufklärung über die Gefahren von rechts. Häufig schielten sie auch schlicht auf Reichweite, die durch eine alarmistische Berichterstattung in die Höhe getrieben werden soll, analysiert Weidinger. In diese Kategorie fallen auch Talkshows mit rechtsextremen Gästen. Die Buch- Autoren plädieren dafür, nicht mit Rechten zu reden, sondern fundierter über sie zu berichten. Ganz wichtig dabei: Betroffene zu Wort kommen lassen. Denn über die Perspektive der Opfer lasse sich nachempfinden, was Rechtsextremismus bedeuten kann, ohne dass die Täter zu viel Raum erhalten.

 

Der Band behandelt weitere Aspekte: Es gibt ein hochaktuelles Kapitel über die Wirkung von Verschwörungserzählungen, eines zur Gerichtsberichterstattung über rechte Straftaten und eines zum Umgang mit Recherchen der Antifa. Es gibt Informationen darüber, wie Rechtsextreme Soziale Medien nutzen, sowie Tipps für Reaktionen auf Shitstorms und die Moderation von Online-Foren. Nicht alle Erkenntnisse sind neu, der Mehrwert liegt eher in der Zusammenschau. Die Vielzahl der Beiträge hat aber auch einen Nachteil: Statt eines Gesamtwerks aus aufeinander aufbauenden Kapiteln ist eine Aufsatzsammlung mit etlichen Redundanzen entstanden.

 

Eines macht die Lektüre überdeutlich: Bei der Berichterstattung über die extreme Rechte ist besondere Sorgfalt angezeigt. Denn die Feindseligkeit der Akteure zielt nicht zuletzt auf die Medien selbst – tätliche Angriffe gegen Journalistinnen und Journalisten inbegriffen. „Aufgrund des Drohpotenzials, der Gewaltbereitschaft und der Unberechenbarkeit der Protagonist*innen unterscheidet sich die Berichterstattung über Rechtsextreme von anderen journalistischen Aufgabengebieten“, schreibt der Politologe Florian Zellner. Wichtig seien deshalb kollegiale Solidarität und der Rückhalt der Redaktionen.

 

 

 

Rechtsextremismus. Band 4: Herausforderungen für den Journalismus
Herausgegeben von Judith Goetz, FIPU und Markus Sulzbacher.
Mandelbaum Verlag, Wien, Berlin 2021

 

FIPU = Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit

 

 

Der hoffnungsvolle Optimist

 

Rezension – Rutger Bregman: „Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit“

 

Von Markus Pfalzgraf

 

Erste Sätze in Büchern haben oft etwas Magisches, und sie bleiben im Gedächtnis, wenn sie Spannung aufbauen, oder aber die Essenz der folgenden paar hundert Seiten treffend in wenigen Worten zusammenfassen. Der hier ist so einer: „Dies ist ein Buch über eine radikale Idee.“ Und die These lautet: Der Mensch ist gut. Die meisten Menschen jedenfalls seien intrinsisch gut.

 

 Rutger Bregman, der das schreibt, hat mit Anfang dreißig schon einige Erfahrung darin, das Positive in Geschichten zu finden. Er ist einer der Autoren der niederländischen Plattform De Correspondent, die sich dem konstruktiven Journalismus verschrieben hat. Seit dem vorigen Jahr gibt es auch eine internationale Seite: The Correspondent. Das Projekt ist nicht nur wegen seines Ansatzes bahnbrechend, sondern auch wegen seines Bezahlmodells: Beide, das niederländische Original und der englischsprachige Zweig, wurden mit äußerst erfolgreichen Crowdfunding-Kampagnen gestartet und durch Mitgliedschaften zehntausender zahlender Leser*innen fortgeführt. Ein Lichtblick in Zeiten, in denen es sonst kaum funktionierende Bezahlmodelle im Journalismus gibt. Seit einigen Jahren geben die Macher*innen von De Correspondent auch immer mehr Bücher heraus, die inzwischen fast die Hälfte der Einkünfte des Projekts ausmachen – eine Verdreifachung Innerhalb von zwei Jahren. Den Anspruch der Plattform tragen die Autor*innen auch inhaltlich in ihren Büchern weiter.

 

Rutger Bregmans neuestes Werk, in den Niederlanden schon ein Bestseller, tut dies auf sehr ausführliche und gleichzeitig fesselnde Weise. Er schreibt nichts weniger als eine alternative Geschichte der Menschheit auf, ähnlich aufrüttelnd wie Howard Zinn mit seiner US-amerikanischen Geschichte aus Sicht unterdrückter Gruppen („A People’s History of the United States“). Bei Bregman geht es allerdings um das Wesen des Menschen selbst, das er vom aus seiner Sicht ungerechtfertigten und unbelegten Ruf des Egoismus freisprechen will: Aus seiner Sicht ist der Mensch nicht von Natur aus schlecht, sondern gut. Menschen wollen grundsätzlich zusammenarbeiten. Das belegt Bregman mit anschaulichen Beispielen, unterfüttert mit Recherchen und wissenschaftlichen Studien.

Dabei fördert er erstaunliches zutage und zeigt, wie sich grausame Experimente und Studien jahrzehntelang halten, obwohl sie längst überholt oder von Anfang an nicht haltbar sind. So seien etwa beim berühmt-berüchtigten „Stanford Prison Experiment“, bei dem Probanden in Gefängnisinsassen und Wachleute aufgeteilt wurden und sich zu sadistischem Gruppenterror hinreißen ließen, dazu mehr oder weniger gedrängt worden.

 

Ähnliches zeigt sich Bregman zufolge auch beim Milgram-Experiment, in dem Probanden anderen unbesehen Elektroschocks verpassen konnten, oder bei bestimmten Versuchen mit Kindern: Grausamkeit und Egoismus zeigten sich dort, wo das subtil oder offen erwartet wurde. Lässt man sie einfach, so arbeiten sie zusammen. Auch mit Beispielen aus der literarischen Welt macht Bregman seinen Ansatz deutlich: „Der Herr der Fliegen“, eine Erzählung über britische Schuljungen, die nach einem Flugzeugunglück auf einer einsamen Insel stranden und in der Folge als Gemeinschaft in Gewalt versinken. Obwohl es sich um einen komplett fiktiven Fall handelt, ist dieser Roman seit den 60er Jahren zum Sinnbild dafür geworden, wie Menschen sich natürlicherweise verhalten würden, wenn sie sich in einer solchen Situation wiederfänden. Doch Bregman recherchiert und konterkariert diese sinnbildliche Erzählung mit dem einzigen bekannten tatsächlichen Fall dieser Art: Eine Gruppe von Jungen landete in den 60er Jahren in Seenot auf einer Insel im Pazifik – und begann nicht das schlechteste, sondern das beste in sich zum Vorschein zu bringen. Sie halfen einander, wie Rutger Bregman auch in Interviews mit einem der damaligen australischen Retter der Heranwachsenden herausfindet.

 

 Was auch schon im ersten Satz des Buches anklingt, ist die Art und Weise, wie uns Bregman seine Geschichte vom Guten im Menschen näher bringt: Er offenbart seine Recherchewege, wo es der Geschichte und Argumentation nützt, er lässt uns mit-denken und mitreisen, und schafft trotzdem Spannungsbögen und überraschende Wendungen.

 Doch manchmal gerät diese Erzählung zu anekdotenhaft. Die große Schwäche dieses Buches ist, dass es einen universellen Anspruch erhebt, aber unmöglich alle wissenschaftlichen Felder, deren Betrachtung dafür notwendig ist, vollumfänglich abbildet. Dadurch setzt sich der Autor dem Verdacht aus, nur die Quellen und Studien heranzuziehen, die seine Weltsicht belegen. Und spätestens beim Holocaust kommt er an seine Grenzen mit der positiven Grundthese. Dem Autor ist aber zugute zu halten, dass er diese Widersprüche und auch eigene Zweifel immer wieder offenlegt.

 Solchen unbestreitbaren Schwachpunkten setzt er kraftvolle andere Beispiele selbst aus dem Krieg entgegen, etwa die überraschende Erkenntnis, dass nur 15 bis 25 Prozent der Soldaten überhaupt nur geschossen hätten. Was auch nicht fehlen darf: Die Episode der britischen und deutschen Soldaten im Ersten Weltkrieg, die in Belgien aus ihren Schützengräben kamen und gemeinsam Weihnachtslieder sangen.

 Von seinen zahlreicheren niederländischsprachigen Büchern ist zuvor von Rutger Bregman nur „Utopien für Realisten“ auf Deutsch erschienen: Darin setzt er sich wie auch schon länger publizistisch für ein bedingungsloses Grundeinkommen ein, das er lieber „Bürgerdividende“ oder „Basiseinkommen“ nennt, damit es nicht als Geschenk des Staates wahrgenommen wird, sondern als kollektive Nutzung kollektiver Güter. Das spricht er auch in seinem hier besprochenen neuesten Buch an. Die Argumentation: Wenn Menschen aus gemeinsamen Quellen schöpfen, dann sorgen sie dafür, dass diese Quellen nicht versiegen.

 

Aber lässt sich all das auch in der Krise aufrechterhalten? Ja, meint Rutger Bregman. In Interviews weist er darauf hin, dass die Krise zwar zum Test für unsere Gesellschaften werde. Aber, etwa bei „Lichtblicke“ der Deutschen Welle sagt er: „Für jeden Panikkäufer gibt es tausend Krankenschwestern und Pfleger, die bis zum Umfallen arbeiten. Für jeden Horter gibt es Tausende, die sich in Facebook- und WhatsApp-Gruppen voller Hilfsbereitschaft in der Nachbarschaft organisieren. Diese Bereitschaft zur Zusammenarbeit und die Uneigennützigkeit, die sich explosionsartig innerhalb kürzester Zeit gezeigt haben, beeindrucken mich ungemein.“

 

Rutger Bregman: „Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit“, aus dem Niederländischen von Ulrich Faure und Gerd Busse, Rowohlt, 24€.