Aus dem neuen "Blickpunkt": "Mit Karten und Tabellen gegen Propaganda"

Dmitry Vasiliev bei einem Besuch der Stuttgarter Staatsgalerie. Der junge Datenjournalist hat Zuflucht in Baden-Württemberg gefunden, nachdem er aus Russland geflohen war und auch in Georgien nicht bleiben konnte. Foto: privat
Dmitry Vasiliev bei einem Besuch der Stuttgarter Staatsgalerie. Der junge Datenjournalist hat Zuflucht in Baden-Württemberg gefunden, nachdem er aus Russland geflohen war und auch in Georgien nicht bleiben konnte. Foto: privat

„Wenn alle um dich herum sagen, dass es den Krieg nicht gibt, dann glaubst du es irgendwann auch“, sagt Dmitry Vasiliev über die Berichterstattung in Russland über den Angriffskrieg gegen die Ukraine. Der 25-Jährige kann es manchmal selbst kaum fassen, und dann wieder wirkt er seltsam abgeklärt. Es war wohl eine Mischung aus Angst und Freiheitsdrang, die ihn gemeinsam mit seinem Freund zur Flucht motivierte, erst nach Georgien, dann nach Deutschland. Jetzt lebt er in Baden-Württemberg.
 
Er versucht zu verstehen, wie die Regierungspropaganda funktioniert. Dazu hat Dmitry Vasiliev bei der Nichtregierungsorganisation SOTA beispielsweise analysiert und visualisiert, wie viele Sendestunden in den russischen Fernsehprogrammen wofür verwendet werden. Ergebnis: 11 Stunden Nachrichten und Talkshows jeden Tag. Eines Tages möchte er nachweisen, warum Menschen die Regierungspropaganda glauben. Studiert hat Dmitry Politikwissenschaft in Wolgograd und Moskau. Selbst an Universitäten, an denen Wissenschaftsfreiheit und offener Diskurs früher noch etwas zählten und bis vor kurzem zumindest noch nicht gänzlich unmöglich waren, seien Gleichförmigkeit und Obrigkeitshörigkeit eingekehrt. Studierende mit unbequemen Meinungen würden angeschwärzt, angebrüllt, vorgeladen – oder schlimmeres.
 
Dmitry und seine Mitstreiter haben schon mittels Datenanalysen von Kandidatenlisten gezeigt, dass hunderte scheinbar unabhängige Kandidaten bei den Moskauer Lokalwahlen im vergangenen Jahr zuvor der Regierungspartei „Einiges Russland“ angehörten. Fairer, demokratischer Wettbewerb?
Eine Illusion. Als Wahlbeobachter erlebte er Einschüchterungsversuche und Ungereimtheiten, erzählt Dmitry.
 
Er und seine Kollegen haben auch Bots und Tools entwickelt, die etwa Gerichtstermine oder andere Informationen über Verfahren aus offiziellen Quellen oder regionalen Medien zusammentragen. So können sie zeigen, wo wie viele Verfahren beispielsweise wegen „LGBTQ-Propaganda“ eröffnet werden und gegen wen. Mit einem entsprechenden Paragrafen gehen die russischen Behörden nun schon seit einigen Jahren gegen potenziell jegliche Information oder Aufklärung beispielsweise zu gleichgeschlechtlichen Lebensweisen vor. Und dann können die Aktivist*innen den Betroffenen vor Ort helfen, etwa, indem sie ihnen Rechtsbeistand besorgen. Vor allem jetzt, von einem sicheren Ort aus.
 
Die russischen Behörden haben inzwischen ihr Vorgehen nicht nur gegen unbequeme Personen, sondern auch Organisationen verschärft. Dmitrys Nichtregierungsorganisation wurde inzwischen zu „ausländischen Akteuren“ bzw. zur „unerwünschten Organisation“ erklärt. So kann niemand mehr mit ihnen zusammenarbeiten, ohne Probleme zu bekommen oder sogar im Gefängnis zu landen. SOTA hat die Festnahmen von Personen gerade auch nach Beginn des Krieges gegen die Ukraine in einer Karte visualisiert.
 
Der Krieg ist ein Propaganda-Krieg ist ein Daten-Krieg: Auch die Regierung sammelt und bereitet Daten auf, um ihre Ziele damit zu erreichen – etwa bei der Mobilisierung für den Krieg: Früher seien die Daten veraltet gewesen, doch jetzt würden alle jungen Männer systematisch erfasst.

Der Einberufungsbescheid komme inzwischen aufs Handy. Sich entziehen? Auf legalem Weg unmöglich. „Wer das ignoriert, hat ein Problem“, sagt Dmitry Vasiliev. „Die Regierung zerstört dein Leben.“
 
Schon seit einiger Zeit habe sich das Klima geändert, aber seit Kriegsbeginn scheint es unerträglich geworden zu sein für frei denkende Menschen. An den Universitäten geht die ständige Angst um, denunziert zu werden. Schon kleinste Vorfälle oder Symbole könnten zur Verhaftung führen. Solche Fälle zu sammeln, kann belastend für die jungen Datenjournalist*innen sein – die sich dann möglicherweise auch selbst noch zum Ziel der Behörden machen.
 
„Ich möchte mein Leben leben“, sagt Dmitry Vasiliev, „nicht in einem Land leben, in dem ich gehasst werde!“ Und schließlich: „Als wir damit angefangen haben, war mir klar: Ich kann nicht mehr zurück.“

 

Von Markus Pfalzgraf